Nachrichten

Praxisfern, irreführend, zufällig, falsch – Hersteller setzen sich gegen Stiftung Warentest zur Wehr

Die Protagonisten der Pressekonferenz, von links: Reiner Kolberg, Organisator der Pressekonferenz; Matthias Seidler, ehem. Geschäftsführer Derby Cycle Werke GmbH; Kurt Schär, Geschäftsführer Biketec AGM; Claus Fleischer, Geschäftsführer Bosch E-Bike Systems; Siegfried Neuberger, Geschäftsführer Zweirad Industrieverband.

Der umstrittene Pedelec-Test von Stiftung Warentest und ADAC ist ein halbes Jahr nach seiner Veröffentlichung erneut Gegenstand der Diskussion. Diesmal stellt nicht die StiWa das Testzeugnis aus, sondern die betroffenen Hersteller vergeben ein „mangelhaft“ für die Testmethoden und das Verhalten der Stiftung: Praxisferne Prüfmethoden, irreführende Behauptungen sowie zufällige und falsche Messungen  hätten Schäden in Millionenhöhe verursacht.

Als „Zäsur für die gesamte Branche“ bezeichnete der ehemalige Geschäftsführer der Derby Cycle Werke (u.a. Kalkhoff, Raleigh) Matthias Seidler den Pedelec-Test, den Stiftung Warentest und ADAC im Mai 2013 unter dem Titel „Das Risiko fährt beim E-Bike mit“ im Magazin „test“ veröffentlicht haben. Quasi über Nacht sei die Nachfrage nach Elektrofahrrädern zusammen gebrochen. Biketec (Flyer) Geschäftsführer Kurt Schär spricht von existenzbedrohenden finanziellen Schäden, durch die negative Berichterstattung. Ganz zu schweigen von der massiven Verunsicherung hunderttausender Verbraucher, die bis heute nachwirkt.
Eine Zäsur markiert allerdings auch die Pressekonferenz, die Derby Cycle gemeinsam mit Biketec, Bosch und dem Zweirad Industrieverband (ZIV) am 28.10.2013 in Berlin zum Test der StiWa gaben. In einer beispiellosen Aktion und mit überzeugender Genauigkeit widerlegen die E-Bike-Branchenführer die Testurteile der Stiftung Warentest. Neben eben jener Genauigkeit lasse der Test auch Praxisbezug, Transparenz und Reproduzierbarkeit vermissen, so die Hersteller. Obendrein komme die falsche Interpretation von Messergebnissen hinzu.

Fern der Praxis

Fahrlässig sei die Stiftung Warentest mit ihrer Verantwortung sachlicher Verbraucherinformation umgegangen. Claus Fleischer, Geschäftsführer von Bosch E-Bike Systems, sagt: „Wir haben das Vertrauen in die Stiftung Warentest verloren. Sie ist ihrem Auftrag sachlicher Verbraucherinformation nicht gerecht geworden.“ Im Fokus der Herstellerkritik steht vor allem die Messung der elektromagnetischen Ausstrahlung von E-Rädern. Die StiWa habe dabei offensichtlich massive handwerkliche Fehler gemacht. So seien einerseits Einzelmessungen zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) unzulässig verallgemeinert worden, andererseits sei die Strahlungsmessung unter praxisfernen Bedingungen getestet worden. So wurde die EMV bei eingeschalteter Schiebehilfe geprüft  und nicht, wie in den einschlägigen Normen vorgeschrieben, bei 75 Prozent der Motorleistung. „Das ist ungefähr so relevant wie die Messung des Kraftstoffverbrauchs eines Autos im Rückwärtsgang.“, stellt Matthias Seidler fest.

Fern der Normen

Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des ZIV und Vertreter in den einschlägigen DIN-Ausschüssen für Fahrradnormen, schlägt in die gleiche Kerbe. Die Stiftung teste die Räder nicht nur praxisfern sondern auch nicht gemäß einschlägiger, von Experten erstellter (auch durch Mitwirkung der StiWa!) und anerkannter Prüfverfahren. In den Normen festgehaltene Prüfungen seien von der Stiftung Warentest nach eigenem Gutdünken durchgeführt worden. Formulierungen im StiWa-Testbericht wie „In Anlehnung an DIN EN 14674l...“ seien Freibriefe für willkürliche Prüfverfahren.
Von einem mechanischen Schaden am Rahmen war ausgerechnet Premiumhersteller Hersteller Flyer betroffen. Im Pedelec-Test war das linke Ausfallende des Flyer-Rades während eines Dauertests gebrochen. Argwöhnisch wurde Flyer, weil dieser Schaden erstens atypisch ist; am rechten Ausfallende treten durch den Antriebsstrang größere Kräfte auf. Somit sei ein Bruch am rechten Ausfallende wesentlich wahrscheinlicher. Zweitens ist ein solcher Schaden bei keinem der bisher verkauften Räder bekannt. Laut Biketec-Geschäftsführer Schär habe es vier Monate gedauert herauszufinden, wie die StiWa getestet habe: „Wir ließen unsere Räder bei mehreren zertifizierten Prüflaboren testen, bis 70 Prozent über der Norm, schließlich auch bis zur Zerstörung. Wir konnten den Schaden nicht reproduzieren.“, sagt Schär. Nach langer Suche steht für den Schweizer Hersteller fest, ein falscher Prüfaufbau ist für den ungewöhnlichen Schaden im StiWa-Test verantwortlich. Flyer behält sich eine Klage auf Schadenersatz vor. Laut Schär, sei der Umsatzeinbruch existenzbedrohend gewesen.

Fern der Transparenz

Nicht nur Flyer hatte Probleme, aufzuklären, mit welchen Methoden getestet wurde. Auch Derby Cycle und Bosch tappten bei der Suche nach den Ursachen für die „gefährlichen“ Messergebnisse im Dunkeln. Der Rückkauf der getesteten Räder sei nur möglich, wenn der Hersteller zugleich auf sämtliche Rechtsmittel, insbesondere die Forderung von Schadenersatz, gegen die Stiftung Warentest verzichte, zitiert Claus Fleischer aus einem Brief der Stiftung Warentest an Bosch und die ZEG, deren Rad der Marke „Pegasus“ durch EM-Strahlung abgewertet wurde. Ein Knebelvertrag, der den Herstellern verbietet, sich gegen Fehlurteile zu wehren.
Insbesondere bemängelten die Firmen die Kommunikation der StiWa während und nach dem Test. Weder habe die Stiftung das Mittel der Anbietervorabinformation adäquat genutzt - was sonst durchaus üblich sei - und die Hersteller über die kritischen Ergebnisse vorab informiert. Sie hatten somit keine Gelegenheit, auf die Ergebnisse zu reagieren. Während der Testphase habe außerdem keine Anrufung des technischen Beirats stattgefunden,  in dem auch Neuberger Mitglied ist.
Im Nachgang zum Test verhält sich die Stiftung wenig kooperativ. Bestrebungen zur Transparenz gegenüber Herstellern und Öffentlichkeit gibt es nicht. Derby Cycle erwirkte mit einem eigenen Nachtest die Änderung des Testergebnisses. Doch diese Änderungen waren zuerst nur in einem kostenpflichtigen Dokument auf der Homepage der Stiftung Warentest einzusehen; seit kurzem erst findet sich ein Hinweis auf der frei verfügbaren Webseite www.test.de. Zudem Fehlanzeige, wenn es um die Offenlegung der angewandten Prüfverfahren geht - die Hersteller tappen bei der „Fehlersuche“ im Dunkeln.

Fern der Verantwortung

Fehlanzeige auch, wenn es um die Verantwortungsübernahme für falsche und irreführende Testergebnisse geht. Noch am selben Tag der Pressekonferenz teilte die Stiftung Warentest mit, dass sie keine Änderung der Testergebnisse des umstrittenen Tests durchführen werde. Es gäbe, nach ihrer Angabe, keine Gründe dafür, denn die nachweislich falschen Ergebnisse hätten keinen Einfluss auf die Testurteile. Das sehen die Hersteller natürlich anders. Entlarvend ist auch, dass die StiWa in ihrem Artikel zum Testbericht festhält, dass eben die EM-Strahlung zur Abwertung führte.
Mit schlagender Sicherheit entwickelt sich das Hin und her zwischen StiWa und Herstellern so zur Realsatire –bittererweise aufgeführt auf dem Rücken der  Verbraucher und vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei Herstellern und im Handel. Einen Schlussstrich unter diesen Test können nur noch die Gerichte ziehen. Doch der nächste Test kommt schon 2014. 

Text/Bilder: Christopher Müllenhof

Galerie