Reise

Berliner Mauerweg mit E-Bike entdecken

08.11.2016
Auf dem Mauerweg in Berlin mit dem E-Bike; Foto: www.pd-f.de / Kay Tkatzik
Auf dem Mauerweg in Berlin mit dem E-Bike; Foto:www.pd-f.de / Kay Tkatzik

Berliner Mauerweg erkundet mit dem E-Bike


Gunnar Fehlau erkundet den Berliner Mauerweg mit dem E-Bike an nur einem Wochenende.

Zehn Jahre nach der Fertigstellung des Berliner Mauerwegs erfüllt sich Rad-Fan Gunnar Fehlau einen Traum und befährt mit zwei Freunden den 160 Kilometer langen Rundkurs, der einen Teil der innerdeutschen Geschichte symbolisiert. Für eine Strecke, die andere in mehreren Tagesetappen absolvieren, nimmt sich Fehlau ein Wochenende Zeit.

Berliner Mauerweg: Strecke und Räder für die Tour

Der Berliner Mauerweg steht sinnbildlich für die ehemalige Teilung Deutschlands. Auf alten Zollwegen führt die 160 Kilometer lange Strecke entlang der DDR-Grenzanlage vorbei an historischen Gebäuden und Mauerresten – so wird Geschichte erlebbar. Doch kaum ein Tourist wagt sich – speziell im Winter – auf den geschichtsträchtigen Weg. Auch wir, Thomas, Kay und ich, ernten für unser Vorhaben mitten im Januar, nur Kopfschütteln und ungläubige Kommentare.

Wir haben uns ein Hotel am Wannsee gesucht. Der Plan: Eine Strecke, für die andere bis zu zehn Tage kalkulieren, wollen wir also an einem Wochenende bei Schnee und Eis schaffen. Am Ende des ersten Tages werden wir die Ikonen der Teilung und des Widerstandes gesehen haben und etwa 80 Kilometer geradelt sein. Dann nehmen wir die S-Bahn quer durch die Stadt zurück zum Hotel. Für den zweiten Tag haben wir uns den Rest der Tour vorgenommen. Damit wir es leichter in der Zeit schaffen fahren wir mit E-Bikes.Thomas und ich sitzen auf E-MTBs von Flyer namens „Uproc6“, Kay rollt auf einem „Lebowsk-e“ genannten Fatbike von Felt. Zumindest in Sachen Antrieb herrscht Chancengleichheit: Alle Bikes sind mit durchzugstarkem Bosch-Motor ausgestattet.

Der erste Abschnitt des Berliner Mauerwegs

Die Navigation gestaltet sich auf den ersten Metern bis zum eigentlichen Mauerweg hakelig. Wir drehen ein paar Mal um und erklimmen schiebend einen Wall, bevor sich vor uns die berühmte Autobahnraststätte am ehemaligen Grenzübergang Dreilinden erhebt. Seit 1973 war der riesige knallrote Pop-Art-Prachtbau markanter Anlaufpunkt für hungrige Transitfahrer und „gleichzeitig aber viel mehr: ein buntes Freiheitsversprechen des Westens gleich hinter der Grenze, ein knalliger Kontrapunkt zur baulichen Tristesse der DDR“, wie der Tagesspiegel einmal schrieb.

Wir pedalieren – oder sollte ich pedelecen sagen? – südwärts über den menschenleeren Platz: Vom historischen Trubel und Touristen keine Spur. Je älter der Tag wird, desto wärmer wird er werden. Gestartet sind wir bei minus zwei Grad Celsius. Die „Jumbo Jim“-Reifen des Fatbikes wabern unbeeindruckt über den Schnee, meine „Hans Dampf“-Reifen von Schwalbe gleiten durch den Schnee bis auf den harten Asphalt wie ein Messer durch warme Butter. Am Ende der Zollstation klettern wir eine vereiste Treppe hinauf und biegen ostwärts ab auf die Königswegbrücke. Von nun an ist die Navigation denkbar einfach. Wir sind auf dem offiziellen Mauerweg und der ist bestens beschildert. Was bleibt, ist Einsamkeit.

Mauerweg - einsam und provinziell

Wir schlagen ein paar Haken in Wohnvierteln und landen urplötzlich zwischen Feldern, Ponyhöfen und kleinen Wäldchen. Der Mauerweg verläuft auf langen Geraden mit fast ausnahmslos rechtwinkligen Kurven. Im frischen Schnee nur wenige Fußspuren und keine Reifenabdrücke. Wir betreten Neuland. Es ist menschenleer.
Uns steht die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Keiner hätte diese Ruhe, dieses Nichts, so viel Natur in einer Millionenstadt erwartet. Es ist so verdammt „un-berlinisch“ hier. Keine marodierenden asiatischen Selfie-Stick-Horden, und auch vom pinken oder politischen Berlin ist nichts zu sehen. Die Berliner Peripherie ist ländlich, schlimmstenfalls provinziell. Und das ist gut so! Denn so macht sie richtig Spaß. Anders als im Zentrum grüßt man sich freundlich. Verständlich, kommt ja nicht oft vor. Ist ja wenig los!
Wir pedalieren weiter, stets im „Eco-Modus“ des Motors. Bei aller Euphorie, die Pedelecs mit ihren Leistungspotenzialen verbreiten, ist es für den halbwegs trainierten Radler nach wie vor so, dass seine Beine den Akku deutlich überleben. Zwar macht der Turbo-Modus richtig Feuer, doch auf langen Touren zieht das Pedelec den Kürzeren. Wir kurbeln die Reichweite optimierend.

Die Warum-Frage

Irgendwann auf jeder längeren Radtour kommt die Warum-Frage. Warum macht man das? Was soll das eigentlich? Auf der weiträumigen Umfahrung von Großziethen ereilt es mich: Der Wind nimmt zu, der Schnee ist schwer und zu einem nicht unerheblichen Teil flüssig in meine Schuhe gelaufen. Kurz: Mir ist kalt, ich bin müde, ich habe Hunger und einen ordentlichen Kaffee hatte ich den ganzen Tag noch nicht – was mache ich hier eigentlich? Meine beiden Mitfahrer ahnen noch nichts von meiner erodierenden Motivation.

Per U-Bahn zurück ins Leben

Und damit bin ich nicht allein! Thomas ist ziemlich alle und Kay fröstelt. Es ist vier Uhr nachmittags und die Sonne nimmt langsam Abschied. Das Handy holt uns zurück ins Jahr 2016: Mit ein paar Wischern ist unser Standort lokalisiert und die Heimreise per BVG organisiert. Kaum eine Stunde später genießen wir die Annehmlichkeiten des Hotels mitsamt einem kühlen Bier vor einem sehr frühen, aber wohlverdienten Abendessen. Stimmung und Körpertemperatur steigen. Bleibt die Frage: Ziehen wir die verbliebenen 100 Kilometer morgen in einem Rutsch durch?
Wir entscheiden uns fürs Hotspot-Hopping: Die Glienicker Brücke erreichen wir noch bequem vom Hotel aus. In die Innenstadt mit Brandenburger Tor, Reichstag, Checkpoint Charlie und East Side Gallery shutteln wir mit dem Auto, vor Ort wird geradelt. Wie man das eben auf einer Städtereise so macht. Was bleibt, ist der unverrückbare Vorsatz, den Berliner Mauerradweg noch zu komplettieren. Vielleicht im nächsten Winter – oder doch im Sommer?
 

Quelle: Pressedienst Fahrrad

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