Test

Technik von morgen? Neox Crosser

01.02.2017
Neox Crosser ausprobiert
Neox Crosser ausprobiert

Neues aus bella Italia: Neox Crosser mit Motorgetriebe

Dass ausgerechnet eine Innovation der Fahrradindustrie aus Italien kommt, hat es seit den 1980er Jahren nicht mehr gegeben. Zugegeben, so neu ist die Idee mit einem an den Motor angeflanschten Getriebe nicht. Motorräder fahren schon längst mit dieser Technik um die ganze Welt. Aber beim Pedelec auf „klassische“ Fahrradtechnik zu verzichten, ist schon neu und irgendwie revolutionär. Seit jeher setzt die Fahrradbranche auf pflegebedürftige Ketten- oder Nabenschaltungen, einzig die Pinion-Erfinder verpflanzten das Getriebe ans Tretlager mit gutem Erfolg.

Motorradtechnik im Pedelec

„Warum die in der Motorradtechnik seit langem bewährte Getriebetechnik nicht auch beim Pedelec einsetzen?“, fragten sich die Ingenieure um ihren Macher und branchenerfahrenen Schweizer Fahrradenthusiasten Gianni Mazzeo. Der ehemalige Miteigentümer des Pedelec-Pionierunternehmens Flyer bringt neben jeder Menge Fahrrad-Knowhow ein weit verzweigtes Netzwerk in der Fahrradbranche mit. Zum Auftreiben des notwendigen Kapitals hat Mazzeo eine Kickstarter-Kampagne aufgelegt.

Motor, Getriebe, italo-Design

Die Kombination von Getriebe und Motor am Tretlager fügen die Italiener beim Neox in einen ungewöhnlichen Rahmen ein: Eine einarmige Schwinge trägt das Hinterrad. Aufgrund des lediglich einen Ritzels an der Hinterradnabe eröffnet diese Technik die Möglichkeit eines völlig geschlossenen Kettenkastens. Ein futuristisches Design mit robustem Ansatz, das es in dieser Art und Weise bisher noch nicht gegeben hat. Das Hinterrad wird mit einer Industriekette und nicht mit einer Fahrradkette angetrieben, auch das eine Revolution im Fahrradbau.

Acht Gänge

Das Antriebssystem F8.11 verfügt über ein elektronisch geschaltetes Getriebe mit acht Gängen. Jeder einzelne Gang ist mit einem eigenen Freilauf ausgestattet, der beim Einlegen des jeweiligen Ganges den Freilauf des zuvor genutzten Ganges einschaltet und den Freilauf des gerade gewählten Ganges sperrt. Der Motor leistet 500 Watt, ist als Pedelec auf 250 W gedrosselt und entspricht so den StVO-Richtlinien. Ein eigens entwickelter Drehmomentsensor steuert im Innern das Antriebssystem. Die komplette Antriebseinheit inklusive Hinterradschwinge kann zur Wartung ausgebaut und bei Bedarf an den Hersteller geschickt werden.
Die Übersetzung: Die Entfaltung der Übersetzung im Neox spreizt sich zwischen 2,0 m im leichtesten Gang bis zu 8,60 m im schwersten Gang pro Kurbelumdrehung. Ein Berg-Gang fängt bei ca. 2,0 m an, extreme Klettergänge liegen auch mal drunter. Zum Gas geben wählt man Gänge ab 8,0 m Entfaltung. Damit liegt die Neox-Übersetzung absolut im üblichen Bereich.
Zum Vergleich: Eine Shimano 8-Gang-Nabenschaltung fängt bei rund 2,8 m an und endet bei ca. 8,70 m. Für den Stadtverkehr und welliges Terrain eine brauchbare Übersetzungsabstufung. Rohloff schaltet bereits unter 2,0 m und übersetzt bis knapp 10 m Entfaltung und eignet sich damit auch für schwierige und steile Topographie.

Akku und Komponenten

Der Akku mit 500 Wh ist optisch elegant im Rahmengehäuse verstaut und kann zum Laden entweder im Gehäuse verbleiben oder entnommen werde. Die weiteren Komponenten finden wir aus dem Regal üblicher Fahrradteile: SR Suntour 100 mm Federgabel, hydraulische Scheibenbremsen von Tektro, SR-Sattel und – ganz italienisch – Vittoria MTB-Reifen. Das Display sitzt mittig auf dem Vorbau und mutet etwas wuchtig an, aber über Geschmack lässt sich ja streiten. Zum Abstellen lässt sich das Hinterrad vollständig blockieren.

Echter Hingucker

Schon bei der ersten Ausfahrt polarisiert das Neox. Als ich einen Stopp im Biergarten einlegen muss, habe ich sofort interessierte Zuschauer: „Was ist denn das?“ „Hat das Rad Kardan?“ „Das sieht ja echt geil aus!“ Solche oder ähnliche Äußerungen vernehme ich mehrfach an diesem Testtag.

Anschalten

Vor dem Start muss das System aktiviert werden. Beim Neox lässt sich der Antrieb nur im eingeschalteten Zustand treten. Wenn das System ausgeschaltet ist, kann nicht gefahren werden; die Kurbeln drehen durch. Über einen vierstelligen Code wird das Antriebssystem gestartet. Die vier Unterstützungsmodi sowie die acht Gänge werden über die Taster jeweils links bzw. rechts der Lenkergriffe bedient. Zum Anfahren in der Ebene reicht der zweite oder dritte Gang aus. Aus Neugier habe ich das höchste Level gewählt, der mit einem Spitzendrehmoment von 70 Newtonmeter ausgestattete Mittelmotor beschleunigt beim Anfahren sehr zügig. Mit zunehmender Geschwindigkeit schalte ich die Gänge durch. Der Schaltvorgang beim Hochschalten läuft sauber und schnell ab, ich nehme keine störenden Geräusche wahr. Im Gelände folgt bald der erste Anstieg und ich bin gespannt, wie sich das Getriebe bedienen lässt. Giovanni Mazzeo hatte mich beim Briefing darauf hingewiesen, dass ich beim Runterschalten wie bei der Nabenschaltung kurz den Zug von der Kette lassen muss, damit der Schaltvorgang durchgeführt werden kann. Auf dem groben Weg im Wald reagiert das Getriebe beim Runterschalten etwas hakelig. Ich muss mit ausreichend Schwung in der Steigung schalten, um den Tritt zu unterbrechen und danach mit angemessener Geschwindigkeit weiterfahren zu können. Nach mehreren Schaltvorgängen schleicht sich Routine ein und der Schaltvorgang gelingt fließender, eine herkömmliche Kettenschaltung lässt sich im Vergleich dennoch schneller schalten. „Wir arbeiten an einer Lösung“, lässt mich Chef Mazzeo wissen.

Unterwegs

Auf dem Trail profiliert sich das Neox Crosser mit agilen Fahreigenschaften, so fahre ich den ziemlich rutschigen Singletrail nahe unseres Testzentrums mit dem Crosser sicher ab. Die ansonsten übliche Fahrradtechnik wie Gabel und Bremsen sind funktional über jeden Zweifel erhaben und reagieren kompromisslos. Die Unterstützungsstufen sind gut abgestimmt, so lässt es sich prima in einer der unteren Modi gemütlich cruisen oder im Tourenmodus energieschonend auf die große Runde gehen.
Das Neox gab beim Bergtest in Südtirol im letzten Sommer sein Debüt. Wie es abschnitt, lesen Sie in unserer Reportage „Passkontrolle“, ElektroRad Ausgabe 3/2016.

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